Parlamentarisches Patenschafts-Programm

Seit 1983 vergibt der Deutsche Bundestag im Rahmen des sogenannten “Parlamentarischen Patenschafts-Programmes” Stipendien für ein Austauschjahr in den USA an Schülerinnen und Schüler und junge Berufstätige. Das Patenschafts-Programm ist ein gemeinsames Programm des Deutschen Bundestages und des US-Congress. (» weitere Informationen)

Die Stuttgarter Zeitung veröffentlichte im November 2018 einen Beitrag über das Leben in den USA und die gesammelten Erfahrungen der Jugendbotschafterin Alina Wenger aus Korntal-Münchingen. » Hier geht es direkt zum Artikel

Football, Flags and a lot of fun? - zweiter Bericht aus den USA

Meine amerikanische High School im Vergleich zu meiner deutschen Schule

Fünf Schulwochen habe ich nun schon an einer amerikanischen High School verbringen dürfen. Dabei sind mir zahlreiche Unterschiede zwischen meiner amerikanischen und meiner deutschen Schule aufgefallen, die sehr überraschend für mich waren. Dabei muss im Hinterkopf behalten werden, dass die von mir festgestellten Unterschiede nicht unbedingt allgemein gültig sind, sondern sich auf meine persönliche Erfahrung stützen.

School Spirit
Ein wesentlicher Unterschied, den ich wahrgenommen habe, ist der an meiner amerikanischen High School vorhandene School Spirit. Das bedeutet, dass die Schüler sich viel stärker mit der Schule identifizieren. Das Maskottchen meiner High School ist beispielsweise ein schwarzer Panther, der in sämtlichen Variationen, als Bild an der Wand, als Bild auf dem Fußboden oder lebensgroßes Kostüm, in der Schule zu finden ist. Auf der Straße, die zur Schule führt, sind sogar Pfotenabdrücke eines Panthers aufgemalt. Jeden Freitag ist der sogenannte „Spirit Day“, bei dem die Schüler die Schulfarben orange und schwarz tragen sollen. Diejenigen, die das tun, werden dann mit Süßigkeiten belohnt. Bei sämtlichen sportlichen Veranstaltungen hört man „Go Panthers!“ von allen Seiten und sogar die Eltern der Schüler tragen T-Shirts mit der Aufschrift „Panther Pride“- selbstverständlich in orange und schwarz.

Unterstützt wird der Schulspirit von zahlreichen Veranstaltungen an der Schule. Es finden zahlreiche sportliche Wettbewerbe an der Schule statt, bei dem viele Schüler ihre Panthers anfeuern können. Insbesondere Footballspiele sind sehr beliebt. Dabei wird das Publikum mithilfe von Cheerleadern zum anfeuern animiert und spätestens zur Halbzeit, wenn die Cheerleader ihre Performance zeigen, ist keiner mehr zu halten.

Unterrichtsstil
Der Unterricht hier ist sehr anders von dem Unterricht, den ich in Deutschland gewohnt bin. Die Unterrichtsstunden sind weniger darauf ausgelegt, gemeinsam als Klasse etwas zu erarbeiten, sondern man wird dazu aufgefordert mithilfe des Buches eigenständig zu arbeiten oder der Lehrer hält Frontalunterricht ab. Außerdem finden kaum Gespräche oder Diskussionen in den Klassen statt, kritisches Denken ist auch deutlich weniger gefragt. Häufig scheinen die Details mehr im Vordergrund zu stehen als das große Ganze.

Patriotismus
Auch neu für mich war, wie sehr der amerikanische Patriotismus mit der Schule verknüpft ist und in gewisser Weise auch gelehrt wird. Unabhängig vom Fach und dem aktuellen Stoff, werden die Lehrer nicht müde zu betonen, dass die USA „the greatest country in the world“ („das beste Land der Welt“) ist. Am Anfang jedes Schultags wird über die Lautsprecheranlage die „Pledge of Allegiance“ verkündet, mit der die Amerikaner ihre Treue zu den USA auf die Flagge schwören. Dazu erheben sich alle Schüler, legen eine Hand aufs Herz, richten sich zur Flagge, die in jedem Raum der Schule vorhanden ist, aus und sprechen die Worte synchron zur Durchsage. Vor jedem Sportevent oder der Schulversammlung wird die amerikanische Nationalhymne gesungen, wobei sich erneut alle zur Flagge drehen und ihre Hand aufs Herz legen.

Stundenplan
Besonders aufgefallen ist mir, wie verschieden der Stundenplan ist. Für jedes Semester kann ich sechs Fächer wählen und diese besuche ich anschließend täglich. Bei der Wahl der Fächer ist deutlich weniger vorgegeben als in Deutschland, einige Klassen, wie Englisch, müssen aber auch hier besucht werden. Für mich ungewöhnliche Fächer, die angeboten werden, sind beispielsweise Theater, Digitalfotografie, Gestalten des Jahrbuchs, American Sign Language, Holzarbeiten und Kochen. Insgesamt gibt es mehr Optionen nicht akademische Fächer zu wählen. Teilweise sind einige Fächer bereits karrierebezogen und Teil der berufsspezifischen Ausbildung.

Im Gegensatz zur Schule in Deutschland werden die Klassen hier überwiegend nicht jahrgangsspezifisch angeboten, sondern werden von Schülern aus verschiedenen Stufen besucht. Auch neu für mich ist, dass jede Pause zwischen den Unterrichtsstunden nur fünf Minuten lang ist. Um 10.35 Uhr gibt es dann eine halbstündige Mittagspause. Langsam gewöhne ich mich daran, schon so früh zu Mittag zu essen.

Hausaufgaben
Hausaufgaben müssen in meiner High School immer eingereicht werden und in den meisten Fächern bekommt man für das Einreichen von Hausaufgaben, unabhängig vom Inhalt, ein A, was einer 1 entspricht. Insgesamt sind die Hausaufgaben aber deutlich mehr als an meiner Schule in Deutschland, einige Lehrer gehen davon aus, dass täglich eine Stunde für ihr Fach verwendet wird. Der Großteil des Lernens findet nicht in der Schule statt, sondern zuhause. Den Stoff erarbeite ich mir anhand von Büchern vor allem selbst, der Unterricht an sich fasst dann die wichtigen Punkte des bereits gelesenen zusammen. Hausaufgaben machen außerdem einen deutlich größeren Teil der Note aus, sie zählen teilweise bis zu 30%.

Klassenarbeiten
Während die Klassenarbeiten in Deutschland zum Großteil aus Fragen, die einen ausformulierten Text verlangen, bestehen, sind Klassenarbeiten hier Multiple-Choice-Fragen. Damit wird hier in Klassenarbeiten auch ausschließlich Wissen und Fakten abgefragt, während Klassenarbeiten in Deutschland auch nach Beurteilungen und der eigenen Meinung verlangen. Mit dem Lesen des Schulbuches zur vorgegebenen Zeit erhält man alle Informationen für den Test und es ist deutlich einfacher die volle Punktzahl zu erzielen als in Deutschland.

Auch in der Frequenz der Klassenarbeiten unterscheiden die Schulen sich: hier finden die Klassenarbeiten etwa alle zwei Wochen pro Fach statt, während sie in Deutschland ein- bis zweimal pro Halbjahr stattfanden. Auch Tests sind viel häufiger und es ist nicht unüblich zwei bis drei Tests pro Fach und Woche zu schreiben. Die Tests können aber wiederholt werden, wenn man nicht zufrieden mit dem Ergebnis ist. Dabei werden teilweise sogar die gleichen Fragen nochmal widerholt und man bekommt trotzdem eine bessere Note dafür. Da die meisten Tests online stattfinden, können sie auch von zuhause stattfinden. Weniger Klassenarbeiten, aber mehr Tests sollen häufig zuhause erledigt werden. Damit steigt die Möglichkeit des Betrugs aber auch deutlich, da alle Unterrichtsmaterialien, das Schulbuch und das Internet benutzt werden könnten. Zudem kann der Test über eine längere Zeit hinweg erledigt werden. Daher können die richtigen Antworten, die nachdem Absolvieren des Tests verfügbar sind, von anderen Personen kopiert werden. Selbst wenn man durch falsche Antworten Punkte verliert, erhält man die volle Punktzahl, wenn man eine Korrektur des Tests einreicht.

Außerschulische Aktivitäten
Meine amerikanische Schule bietet deutlich mehr außerschulische Aktivitäten an als meine Schule in Deutschland. Es gibt zahlreiche Sportarten wie Football, Cheerleading, Wrestling, Tennis, Golf, Tanzen, Volleyball, Basketball, Softball und Golf, die angeboten werden. Dazu verfügt die Schule über Sportanlagen, wie ein Footballfeld, Tennisplätze und einen Golfplatz. Zudem wird Theater angeboten, aktuell wird beispielsweise das Musical Mamma Mia geprobt. Außerdem gibt es sogenannte Clubs, wie den American Sign Language Club, den International Club, den Knowledge Bowl Club und den Science Olympiade Club. Ein wesentlicher Unterschied zu den außerschulischen Aktivitäten in meiner deutschen Schule ist, dass diese hier sehr viel ernster genommen werden.

Insbesondere beim Sport und Theater ist der Zeitaufwand sehr viel intensiver. Das Training findet an jedem Wochentag nach der Schule statt und es ist nicht unüblich, dass es 3 h dauert. Zusätzlich finden zahlreiche Wettkämpfe statt, bei denen gegen andere Teams gespielt wird oder der Text muss außerhalb der Klasse gelernt werden. Die Gruppen an meiner Schule in Deutschland, im Gegensatz dazu, haben sich beispielsweise nur etwa 1 Stunde wöchentlich getroffen. Zudem ist das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb eines Teams hier deutlich stärker ausgeprägt. Auch wenn ein Spieler gesundheitlich angeschlagen ist, wird es zum Training kommen und zuschauen, um sein Team zu unterstützen.

Digitalisierung
In meiner amerikanischen Schule wird, im Gegensatz zu meiner deutschen Schule, jedem Schüler ein Laptop zur Verfügung gestellt, der notwendig für den Unterricht ist. Die Schulbücher sind Großteils online verfügbar, auch die Unterrichtsstunden können online abgerufen und gegebenenfalls nachgeholt werden. Aufgaben sollen teilweise nicht handschriftlich bearbeitet, sondern abgetippt werden. Alle Noten werden online eingetragen und können somit besser nachvollzogen werden. Auch Eltern erhalten Zugang hierzu. Das gleiche gilt für Fehlzeiten. Handys im Unterricht sind hier ebenfalls kein Tabu und können meist benutzt werden. Dies führt aber häufig auch zu einer Nutzung des Smartphones, die nichts mit dem Unterricht zu tun hat, wie das Versenden von Nachrichten oder die Nutzung von Social Media.

„Welcome to America!“ – erster Bericht aus den USA

“Welcome to America!” – Das ist einer der häufigsten Sätze, die aktuell an mich gerichtet werden. Nach mehr als einem Jahr voller Vorbereitung ging es für mich vergangene Woche auf in die USA. Etwa ein Jahr lang werde ich nun im Bundesstaat Washington in der Nähe von Portland, Oregon mit meiner Gastfamilie leben und eine Highschool besuchen. Ermöglicht wird mir das durch das Parlamentarische Patenschafts-Programm, einem Stipendium, das aus der Zusammenarbeit von Bundestag und Kongress hervorgeht. Dass mein Auslandsjahr nun Wirklichkeit ist, kann ich nur schwer realisieren.

Meine Gastfamilie besteht aus einem jungen Ehepaar, Marie und Dean. Gemeinsam wohnen sie in ihrem Haus in ländlicher Umgebung. Obwohl ich eher das städtische Leben gewöhnt bin, genieße ich es sehr, hier nah an der Natur zu sein und beim Blick aus dem Fenster unzählige Bäume zu sehen. Dies scheint mir insgesamt ein signifikantes Merkmal für den Bundesstaat Washington zu sein, der damit seinem Namen „Evergreen State“ gerecht wird. Jedoch ist mir auch schnell klargeworden, weshalb ein Auto als Fortbewegungsmittel in den USA einen so hohen Stellenwert hat. Öffentliche Verkehrsmittel sind nämlich kaum außerhalb von Portland zu finden, sodass man auf das Auto angewiesen ist.

Obwohl ich erst relativ kurz hier bin, habe ich schon sehr viel erleben können. Letztes Wochenende fand der „Skamania County Fair“ statt, der von Manchen sogar als Event des Jahres in der Region gesehen wird. Man kann sich den Fair als Stadtfest vorstellen, bei dem es eine Achterbahn, ein Karussell und ähnliche Vergnügungsangebote gibt. Das diesjährige Motto lautete „Cowboy boots & Country roots“. Mit einem Cowboy-Hut versuchte ich mich ein wenig dem Dresscode anzupassen. Zudem wurden zahlreiche Wettbewerbe durchgeführt, die mit der Holzindustrie zusammenhängen, die hier eine hohe historische Bedeutung hat. Ein Wettbewerb war beispielsweise das Axtwerfen auf eine Zielscheibe, das dann entsprechend bewertet wird. Daran nahmen unter anderem auch meine Gasteltern teil. Außerdem fand eine Auktion statt, bei der Kinder und Jugendliche aus der Umgebung ihre selbst großgezogenen Tiere verkauften. Dort konnte man von Hühnern über Hasen bis hin zu Kühen viele verschiedene Farmtiere kaufen. Das Gelände, auf dem der Fair stattfand, war mit zahlreichen amerikanischen Flaggen geschmückt und die Nationalhymne wurde zur Eröffnung der Wettbewerbe gesungen. Der stärker ausgeprägte Patriotismus in den USA hat sich hier ziemlich gut gezeigt.

Gemeinsam mit meiner Gastfamilie habe ich bereits Spätzle zubereitet. Da sie jedoch meist auf ihrem Grill kochen, integrierten wir die Spätzle in ein BBQ. Diese in einem Topf auf dem Grill gab ein ziemlich ungewöhnliches Bild ab, aber sinnbildlich kann man hier eine Annäherung der (Essens-)Kulturen sehen.

Schon jetzt bin ich begeistert von meinen bisherigen Erfahrungen und freue mich sehr auf die zahlreichen, die noch kommen werden!

 


Von nun an wird Alina Wenger, die im Rahmen des Parlamentarischen Patenschafts-Programmes nun für etwa ein Jahr im Bundesstaat Washington in der Nähe von Portland (Oregon, USA) bei einer Gastfamilie leben und eine Highschool besuchen wird, von ihren Erlebnissen in den Vereinigten Staaten berichten.
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